Natur in Not

im Kreis Dithmarschen

 

 

Am 25.11.2019 habe ich folgendes Schreiben an die Burger Bürgermeisterin Daniela Niebuhr geschickt:

 

Sehr geehrte Frau Niebuhr,

in den letzten Monaten wird es ja immer deutlicher, dass es für unsere Tier-, insbesondere die Insektenwelt, immer wichtiger wird, genügend natürliche Lebensräume zur Verfügung zu stellen. Bei der Zerstörung dieser Kleinstbiotope wird fast unbemerkt unserer Insektenwelt und damit auch den von Insekten lebenden Kleinsäugern (z.B. Igeln) zunehmend die Lebensgrundlage genommen.

Sicherlich ist es keine Schande, einen Fehler in der Planung von Freiflächen zu machen. Es hat sicherlich nachvollziehbare Gründe, diese Flächen „pflegeleicht“ zu gestalten. Aufgrund der umfangreichen Informationen, die uns seit einigen Monaten zugänglich sind, ist es jedoch ein unverzeihlicher Fehler, auf seinen bisherigen Ansichten zu verharren und umweltverbessernde Vorschläge von außen einfach zu ignorieren.

In vielen Zeitungsberichten der letzten Monate wird deutlich, dass immer mehr Gemeinden, aber auch Bürger, das Problem erkennen ... und aktiv versuchen, eine neue, naturverträglichere Richtung einzuschlagen. In der Gemeinde Burg sehe ich leider diesbezüglich (noch) keinen Lerneffekt. Immer wieder sind in Burg neue Flächen zu entdecken, die „totgeplant“ wurden.

Wenn man sich einmal das Protokoll der Gemeindevertretung-Sitzung
der Gemeinde Burg vom 16.10.2018 ansieht, ist ein Kopfschütteln leider nicht zu vermeiden:

Protokoll über die Sitzung der Gemeindevertretung
der Gemeinde Burg (Dithm.) am 16.10.2018

8.2 Antrag bezüglich der Vermeidung des Insektensterbens in Burg (Dithm.)

Bürgermeister Walter Arriens führt aus, dass er einen Antrag der Person Dieter Grade erhalten hat, der nicht Einwohner der Gemeinde Burg (Dithm.) ist, aber er sich trotzdem mit dieser Thematik auf Wunsch des Antragsstellers beschäftigen möchte. Dieter Grade bat entsprechend seinen Antrag den Gemeindevertretern der Gemeindevertretung Burg (Dithm.) vorzulegen. Er begründet seinen Antrag damit, dass er seit einiger Zeit beobachtet habe, dass die Gemeinde Burg (Dithm.) vermutlich wegen des Arbeitsaufwandes mehrere Flächen umgestaltet und damit weiter die Natur beschneidet. Er möchte entsprechend noch einmal anregen, auf keinen Fall weitere Flächen in Form eines Steinbeetes zu schaffen.

Bürgermeister Walter Arriens teilt mit, dass die Gemeinde Burg sehr daran interessiert ist, dem Thema Naturschutz Rechnung zu tragen. Im Zuge dessen werden bei Ausgleichsflächen entsprechende Maßnahmen umgesetzt. Durch Gemeindevertreter Gerhard Schmoland wird ergänzt, dass die Umgestaltung von einzelnen Flächen im Zuge der Verkehrssicherheit erforderlich ist. Weitere Bedenken werden nicht geäußert. Aus der Mitte der Gemeindevertretung ergeht folgender Beschluss: Der Antrag des Bürgers Dieter Grade wird zur Kenntnis genommen. Eine Umgestaltung der Flächen soll nicht vorgenommen werden. Dieter Grade soll durch die Verwaltung ein Antwortschreiben erhalten, das man sich dem Thema Naturschutz bewusst ist und sehr ernst nimmt. Die Umsetzung liegt allein bei der Gemeinde Burg (Dithm.). Man dankt für die entsprechenden Hinweise.

Aus welchem Grunde diese Schotterflächen die Verkehrssicherheit erhöhen, ist mir ein Rätsel. Blumen, die eine maximale Höhe von ca. 40 cm aufweisen, sind also nach Meinung der Gemeindevertreter eine größerer Gefahr als ca. 1 m hohe Granit-Pfeiler, die einen großen Teil der Sicht verdecken (s. Bilder in der Anlage) – da muss es andere Gründe geben – die meiner Meinung nach etwas mit „Geschmacksverirrung“ zu tun haben. In der Anlage füge ich einige Bilder bei, die einen Eindruck über diese Flächen vermitteln. Großflächige Pflasterbereiche bzw. Schotterflächen dominieren auf den Burger Freiflächen. Hier und da findet man dann ein paar Pflanzen, die wohl eher eine Alibifunktion haben, nicht aber dem Insektensterben entgegenwirken können. Und auch der „Englische Rasen“ zwischen den Schotterflächen bietet der Tierwelt wohl kaum Nahrung. Oder sind dort die vielen Narzissen versteckt, die im Jahr 14 Tage lang blühen und danach dem Einheitsgrün wieder Platz machen?

Ich bin der Meinung, dass eine Gemeinde Verantwortung in Form einer Vorbildfunktion für die Bürger trägt. Das scheint in Burg auch richtig gut zu funktionieren, denn seitdem die öffentlichen Freiflächen „totgeplant“ wurden, ziehen immer mehr Bürger nach und gestalten auch ihre bunten Vorgärten in „Gärten des Grauens“ um.

Offensichtlich sind es vor allem persönliche Vorlieben, die in der Gemeinde umgesetzt werden. Vielleicht gibt es ja auch andere Gründe, hier möchte ich aber nicht spekulieren ...

Am 19. November erschien in der DLZ ein Artikel, in dem dieses Problem thematisiert wurde. In der Anlage füge ich diesen Artikel bei. Darin habe ich einige wichtige Textpassagen farbig markiert (aus Datenschutzgründen ist die Anlage mit dem Titel "Steinwüsten erobern Vorgärten" entfernt worden). Einen darin erwähnten Paragraphen der Landesbauordnung möchte ich Ihnen einmal nennen:

§ 8 Landesbauordnung

Nicht überbaute Flächen der bebauten Grundstücke, Kleinkinderspielplätze

(1) Die nicht überbauten Flächen der bebauten Grundstücke sind

      1. wasseraufnahmefähig zu belassen oder herzustellen und

     2. zu begrünen oder zu bepflanzen, ...

Die gemeindeeigenen Flächen sind ja keine bebauten Grundstücke, „also gilt das wohl für die Freiflächen der Gemeinde nicht …“. Da müsste dann wohl die Vernunft siegen … Die Grundstücke der Anwohner würden meiner Ansicht nach aber unter diesen Paragraphen fallen! Sicher wäre in diesem Zusammenhang eine Aufklärungsaktion der Gemeinde Burg sinnvoll und richtungsweisend.

Auf meiner Internetseite www.natur-in-not-dithmarschen.de werde ich die bisherigen und zukünftigen Veränderungen der Burger Freiflächen dokumentieren.

Abschließend möchte ich Ihnen folgende Fragen stellen:

1. Ist die Gemeinde Burg bereit, den Sinn der naturzerstörerischen Schotterflächen (und des Englischen Rasens) zu überdenken und in Zukunft insektenfreundliche Lösungen zu suchen?

 

2. Könnten Sie sich vorstellen, dass die Gemeinde sich durch Fachleute der Stiftung Naturschutz oder des Bündnisses Naturschutz in Dithmarschen e.V. beraten lässt.

Ich bitte Sie, diese Fragen möglichst bald persönlich zu beantworten.

Mit freundlichen Grüßen
Dieter Grade

(Bilder zur größeren Darstellung anklicken)

Bild 1

Bild 2

Bild 3

Bild 4

Bild 5


 

Zunächst hatte Frau Niebuhr mir auf Nachfrage untersagt, den Text ihrer E-Mail für diese Veröffentlichung zu verwenden. Ich habe mehrmals nachgefragt und auch von Herr Strufe (Leitender Verwaltungsbeamter) erst am 12.12.2019 die Mitteilung bekommen, dass ich das Recht habe, den Text der Bürgermeisterin zu veröffentlichen. Frau Niebuhr beklagte ja, dass die Beantwortung meiner ersten E-Mail einen großen Zeitaufwand bedeutet.

Ich halte es für eine Pflicht der Bürgermeisterin, sich mit den Bedenken der Bürger auseinanderzusetzen. Dann aber mitzuteilen, dass sie mir weitere Fragen per E-Mail nicht mehr beantworten wird, halte ich für sehr arrogant und für ein Desinteresse an den Sorgen der Bürger.

Alleine mit der Verzögerung der Beantwortung meiner Frage zu der Rechtmäßigkeit der Veröffentlichung der Aussagen von Frau Niebuhr haben vermutlich mindestens 2 Personen im Amt einige Stunden verschenkt.

Die Antwort, die ich von Frau Niebuhr auf meine erste Anfrage erhielt, habe ich hier mit einigen Kommentaren versehen (schwarze Schrift = Antwort der Bürgermeisterin, roter Text = meine Kommentare).


 

Sehr geehrter Herr Grade,

 

Vielen Dank für Ihr Schreiben vom 25.11.2019 welches ich Ihnen heute beantworten möchte.

 

Die Gemeinde Burg verfügt über 237 bepflanzte Flächen, die insgesamt ca. 7605m2 groß sind. Diese Flächen sind u.a. mit Ziersträuchern und verschiedenen Stauden bepflanzt. Zu nennen  wären da z.B. u.a. Pflanzen wie Potentilla, Feuerdorn, Deutzien, Zwergmispel, Johannisbeersträucher, Berberitzen, Sylter Rose, Jasmin, Rosen und mehr. Auch eine Streuobstwiese, sowie eine rekultivierte Heidefläche im Naturerlebnisraum, sind in Burg vorhanden und dienen u.a. vielen Insekten als Lebensraum.

Dieses Jahr wurden im Gemeindegebiet weitere 5500 Narzissen gesetzt - und auch wenn diese nur bis zu vier Wochen blühen, sind sie trotzdem hübsch anzusehen und insektenfreundlich.

 

Die Heidefläche gehört gar nicht zu Burg! Ich hatte mich bewusst nur auf Burg bezogen und da passt dieses Biotop nicht mit hinein. „Hübsch anzusehen“ ist sicherlich keine Hilfe für Insekten, das erzeugt höchstens ein Wohlgefühl bei Bürgern, die sich nur wenige Gedanken zu unserer Umwelt machen.

In der Auflistung der von Ihnen genannten Pflanzen fehlen leider die heimischen Blumen.

 

Am neu errichteten Bauhof, sowie beim neuen Baugebiet 'Amtskoppel' wurden insgesamt ca. 1000m2 Wildblumensaat ausgebracht. Hier muss jedoch noch abgewartet werden, wie die Saat anwächst und ob sie auch wieder ausschießen wird.

 

Unter Wildblumensaat verstehen viele die vom Handel angebotenen Samentüten, auf denen "Wildblumensaat" steht. Dabei handelt es sich aber oft um „Wildblumen“, die gar nicht aus unserer Region stammen. Daher hatte ich vorgeschlagen, die Stiftung und das Bündnis um Unterstützung zu bitten. Das wurde von Ihnen leider abgelehnt!

 

Trotzdem gebe ich Ihnen Recht, dass es nie ein Zuviel an insektenfreundlichen Pflanzen geben kann und daher gilt es auch zukünftig Flächen zu finden, die man mit einer entsprechenden Wildblumensaat " sich selbst" überlassen kann.

Sie kritisieren in Ihrem Schreiben fünf von 237 Flächen, die ihnen persönlich nicht gefallen, als "Geschmacksverirrung". Für verschiedene Geschmäcker habe ich natürlich Verständnis und ich nehme Ihre Aussage bedauernd zur Kenntnis.

Fünf Flächen von 237 - das sind 2,1% unserer bepflanzten Flächen. Dieser Wert relativiert Ihre Aussage, dass großflächige Pflasterbereiche bzw. Schotterflächen die Burger Freiflächen dominieren, deutlich.

 

Ich hatte geschrieben „In der Anlage füge ich einige Bilder bei, die einen Eindruck über diese Flächen vermitteln“. Es ging dabei nur um "einen Eindruck". Dass Sie jetzt aus diesen Beispielen (es gibt noch viel mehr davon) eine Statistik ableiten, könnte man als ein wenig unseriös bezeichnen. Dabei fällt mir der folgende bekannte Ausspruch ein: "Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe."

 

Des Weiteren sind die von Ihnen angeführten Flächen allesamt an der Bahnhofstraße liegend - an einer Hauptstraße im Ort mit entsprechend viel Verkehr. Die Gemeinde Burg sieht tatsächlich davon ab, eine bienenfreundliche Gestaltung  an Straßenrändern einer viel befahrenen Straße, wie die Bahnhofstraße, vorzunehmen. Bei hohem Verkehrsaufkommen können vor allem schwerfällig fliegende Hummeln,  aber auch andere Insekten wie die eher langsam fliegenden Schmetterlinge, von den Fahrzeugen erfasst werden. Auch die Belastung mit Streusalzen, Mineralölprodukten und Emissionen ist für die sogenannten Blühinseln und damit auch für blütensuchende Insekten eher schädlich. Diese Praxis wird übrigens in der Broschüre "Bienenfreundliche Kommunen - wie geht das?"  vom BUND genauso empfohlen.

 

Der BUND schreibt:

Eine bienenfreundliche Gestaltung des Straßenbegleitgrüns, zum Beispiel auf Verkehrsinseln und an Straßenrändern, macht nur an wenig befahrenen Straßen Sinn. Bei Straßen mit einem hohen Verkehrsaufkommen, zum Beispiel an viel befahrenen mehrspurigen Kreuzungen, können vor allem die schwerfällig fliegenden Hummeln, aber auch andere Insekten wie die eher langsam fliegenden Schmetterlinge, von den Fahrzeugen erfasst werden.

Es wirkt ein wenig überheblich, bei der Burger Bahnhofstraße von einer vielbefahrenen mehrspurigen Straße zu sprechen. Zum Glück kann man ja heute im Internet fast alles recherchieren, sonst hätte ich womöglich Ihrer Aussage glauben müssen. Sie wurde aber doch „etwas manipuliert“.

Das Bild Nr. 4 wurde übrigens in der Storchenallee aufgenommen – da handelt es sich doch sicherlich auch Ihrer Meinung nach – nicht um eine viel befahrene Straße … Die ganze Storchenallee ist eine 30 km - Zone!

 

Bei Privatgrundstücken nimmt die Gemeinde keinen Einfluss auf die Vorgartengestaltung.

 

Die Gemeinde soll ja auch "nur" durch fortschrittliche Gestaltung der eigenen Freiflächen Vorbild sein – dann ziehen vermutlich einige Bürger nach. Und man könnte – wie in anderen Gemeinden – sogar ein Projekt daraus machen. Mein erster Gedanke war, dazu Vorschläge zu machen, aber da die Gemeinde ja bisher keinen Vorschlag ernst genommen hat, ist das wohl vergebene Liebesmüh. Hier ist die Gemeinde ja eher der Meinug "Das hat sich seit Jahrhunderten bewährt ... so wird es weitergemacht".

 

Abschließend  noch die Beantwortung Ihrer Fragen:

 

1. "Ist die Gemeinde Burg bereit, den Sinn der naturzerstörerischen Schotterflächen (und des Englischen Rasens) zu überdenken und in Zukunft insektenfreundliche Lösungen zu suchen?"

 - Die Gemeinde Burg wird ihre neu gestalteten Anlagen entlang der Bahnhofstraße erhalten und nicht zurückbauen. Die Gemeinde wird auch weiterhin dem Thema Naturschutz Rechnung tragen und geeignete Flächen insektenfreundlich gestalten.

 

2."Könnten Sie sich vorstellen, dass die Gemeinde sich durch Fachleute der Stiftung Naturschutz oder des Bündnisses Naturschutz in Dithmarschen e.V. beraten lässt?"

- Die Gemeinde Burg hat einen Gärtnermeister für Garten-und Landschaftsbau angestellt, der regelmäßig an Fortbildungen auch zum Thema Naturschutz teilnimmt. Somit ist eine weitere Beratung von Fachleuten nicht notwendig.

 

Wie ich schon oben schrieb, wird auch von sog. Fachleuten der Begriff Wildblumen häufig falsch interpretiert. Oft sind in solchen Blumenmischungen auch „bienenfreundliche Kulturpflanzen“ enthalten. Außerdem werden solche Mischungen oft bestellt, so dass es sich um Blumen/Pflanzen aus ganz anderen Regionen Deutschlands handelt. Es geht ja auch nicht nur um Bienen, sondern um den Erhalt der Natur allgemein.

 

Gerne bin ich Ihrer Bitte diese Fragen möglichst bald und persönlich zu beantworten nachgekommen.

Ich möchte Ihnen im Gegenzug mitteilen, dass diese Antworten in Schriftform einen großen Zeitaufwand für mich bedeuten. Zukünftig dürfen Sie mir gerne weiterhin Ihre kritischen Fragen in Schriftform stellen. Die Antworten würde ich Ihnen dann jedoch in einem persönlichen Gespräch (das zu terminieren ist) in meinem Büro geben.

 

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Mit freundlichen Grüßen

 

Bürgermeisterin

Daniela Niebuhr

Holzmarkt 7

25712 Burg (Dithm.)